27. Dezember 2011

dpa-Interview mit Hildegard Müller

Energiebranche sieht viele Fragezeichen bei Wende

Interview: Georg Ismar, dpa

Berlin (dpa) - Hildegard Müller war bis 2008 eine der wichtigsten Beraterinnen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW) ist die 44-Jährige nun wesentlich daran beteiligt, dass Atomausstieg und Energiewende ein Erfolg werden. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur warnt sie, das Ganze werde kein Selbstläufer.

dpa: Frau Müller, wie fällt bislang Ihre Bilanz zur Energiewende aus?

Müller: Die Politik arbeitet aktuell an rund zwei Dutzend Gesetzen und Verordnungen, die im Zuge der Energiewende noch angep asst oder neu verfasst werden müssen. Es fehlt noch in einigen Bereichen an einem konkreten Fahrplan. Wir brauchen für das nächste Jahr ein Drehbuch. 2012 muss das Jahr werden, in dem aus den vielen noch bestehenden Fragezeichen Wegweiser für die Energiewende werden.Was hat bei den Maßnahmen zur Umsetzung der Energiewende aus Sicht der Politik Priorität? Wie werden die energiepolitischen Aktivitäten zwischen EU, Bund und Bundesländern koordiniert? Wie kann den Bürgerinnen und Bürgern das Verständnis für die notwendigen Maßnahmen der Energiewende vermittelt werden?

dpa: Mit welchen Zusatzbelastungen müssen Verbraucher 2012 rechnen?

Müller: Ich gehöre nicht zu denen, die schnell Zahlen auf den Markt werfen. Denn bei der Energieversorgung gibt es viele Einflussfaktoren. Es kommt auf verschiedene Punkte bei den Strompreisen an. Es gibt Entwicklungen, die betreffen alle Unternehmen und Kunden. Und es gibt Entwicklungen, die hängen von der jeweiligen Region ab, in der der Kunde lebt. Ich will nur deutlich sagen, dass die Tendenz der Preise im Zuge der Energiewende steigend ist. Darauf werden wir uns alle einstellen müssen.

dpa: Und welche Faktoren sind das, die den Strompreis beeinflussen?

Müller: Erstens die staatlichen Steuern und Abgaben. Deren Anteil am Strompreis liegt mit 46 Prozent für private Haushalte inzwischen auf einem Rekordniveau. Zweitens gibt es die Entwicklungen am Großhandelsmarkt, beim Service und Vertrieb. Je nach Unternehmen, Kundenstamm und Region unterscheiden sich hier die Kalkulationen.Dieser Anteil liegt im Durchschnitt bei 34 Prozent. Drittens liegt der Anteil der Netzentgelte, das sind die Kosten, die für die Nutzung der Leitung zum Transport von Strom entrichtet werden, derzeit bei rund 20 Prozent. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien müssen mehr Netze gebaut werden. Das schlägt sich zum Teil schon jetzt in den Strompreisen nieder.

dpa: Werden der energieintensiven Industrie zu viele Zugeständnisse gemacht, die alle anderen Verbraucher dann stärker belasten?

Müller: Mich überrascht die Diskussion. Es gab schon immer Ausnahmen, viele werden nur anders finanziert. Wir können froh sein, dass wir gerade in Zeiten der Finanzkrise noch stabile Industrien in Deutschland haben. Sie sind mit ihrem gleichmäßigen Verbrauch Stabilisatoren der Energienetze. Und sie sind der Garant dafür, dass die Energiewende auch funktioniert. Schließlich werden mit deren Maschinen und Hochöfen auch Komponenten für die erneuerbaren Energien gebaut.

dpa: Wie schaffen wir es angesichts der Ausbauoffensive bei den erneuerbaren Energien , dass die Kosten nicht aus dem Ruder laufen?

Müller: Im nächsten Jahr werden die Kunden für den Ausbau voraussichtlich die Rekordsumme von 14,1 Milliarden Euro aufbringen.Das ist das Doppelte des Länderfinanzausgleichs. Die Kosten für den Netzausbau sind darin noch nicht berücksichtigt. Kurzfristig muss man sich die weiteren Auswirkungen des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes(EEG) genau anschauen und die Förderung falls nötig erneut anpassen.Mittelfristig muss es darum gehen, die Kunden zu entlasten und die regenerative Stromerzeugung in den Markt zu integrieren.

dpa: Wie bewerten Sie die Situation beim Netzausbau?

Müller: Hier besteht weiter Anlass zur Sorge. Das liegt vor allem an den langen Planungs- und Genehmigungsverfahren von durchschnittlich acht bis zehn Jahren sowie die vor Ort oft fehlende Akzeptanz bei Neubauten. Hinz u kommen Renditen, die nicht dem internationalen Durchschnitt entsprechen. Die Investitionsbedingungen müssen zumindest so verbessert werden, dass sie wieder wettbewerbsfähig in Europa sind. Unsere Branche braucht endlich Investitionsanreize. Weitere Schritte müssen nun zügig folgen.

dpa: Nur mit erneuerbaren Energien geht es nicht. Brauchen wir noch neue Kohlekraftwerke?

Müller: Klar ist, dass wir langfristig zusätzlich zu den bereits geplanten noch weitere Gas- und auch Kohlekraftwerke benötigen. Im Jahr 2020 gehen wir von einer zusätzlichen Kapazität in Höhe von 7 bis 16 Gigawatt aus. Gleichzeitig werden diese Kraftwerke durchschnittlich 40 Prozent weniger in Betrieb sein als heute. Das hängt mit dem rasanten Zubau der Erneuerbaren zusammen. Aber ohne ergänzende konventionelle Kraftwerke, die verlässlich Strom liefern, geht in Deutschland das Licht aus .

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