02. Juli 2012

Dritter Bericht der Nationalen Plattform Elektromobilität: BDEW begrüßt Votum für vorsichtigen, am Bedarf orientierten Aufbau der Ladeinfrastruktur

Henning Kagermann (NPE) übergibt den Fortschrittsbericht am 20.6.2012 an die Bundesminister Ramsauer (M.) und Rösler (r.), Quelle: BMWi

Ein wirtschaftlicher Betrieb von öffentlichen Ladestation für Elektrofahrzeuge ist ohne eine zeitlich begrenzte Anschubfinanzierung derzeit noch nicht möglich. Der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur verursacht erhebliche Kosten und macht eine öffentliche Kofinanzierung notwendig. Um Fehlinvestitionen zu vermeiden, muss sich der Aufbau der öffentlichen Ladepunkte eng am Bedarf orientieren. Darauf weist der Dritte Bericht der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) hin, der am 20. Juni 2012 Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) übergeben wurde. Die NPE wurde 2010 von der Bundesregierung ins Leben gerufen, um sie bei Fragen zum Ausbau der Elektromobilität zu beraten. Sie umfasst Vertreter aus Industrie, Politik, Wissenschaft, Verbänden und Gewerkschaften. Ziel der Bundesregierung ist es, Deutschland bis 2020 nicht nur zum Leitmarkt, sondern auch zum Leitanbieter für Elektromobilität zu machen.

In den letzten zwölf Monaten seit Veröffentlichung des vorhergehenden Berichts (BDEW extra 13/2011) haben die NPE-Experten mit Hochdruck daran gearbeitet, Antworten auf noch offene Fragen zu finden und den Stand der Umsetzung der Vorschläge aus dem letzten Bericht, insbesondere auch der Maßnahmen aus dem Regierungsprogramm Elektromobilität (BDEW direkt 6/2011), zu überprüfen.

Im Fahrzeugbereich liegt der Schwerpunkt auf der Batterieforschung. Auch Qualifizierung und Normung sind wichtige Themen, wenn es um die Leitanbieterschaft geht. Auf dem Weg zum Leitmarkt werden große Erwartungen in die vier "Schaufenster Elektromobilität" gesetzt (siehe auch BDEW direkt 11/2011). Diese regionalen Großprojekte sollen die deutsche Technologiekompetenz demonstrieren und Elektromobilität für die Öffentlichkeit sichtbar und "erfahrbar" machen. Sie werden sich ab Ende 2012 beispielsweise mit möglichen Geschäftsmodellen für die Infrastruktur, Konzepten für gesteuertes Laden, Netzintegrationsmodellen und der Anwendung der bisher erarbeiteten Standards und Normen beschäftigen, um wichtige Erkenntnisse für die weitere Entwicklung der Elektromobilität in Deutschland zu liefern. Im Bericht werden von deutschen Herstellern 15 neue E-Fahrzeugmodelle bis zum Ende der Marktvorbereitungsphase im Jahr 2014 angekündigt.

Intensiv beschäftigt sich das Kapitel Leitmarkt mit Lösungsansätzen für den Aufbau der Ladeinfrastruktur. Darüber hinaus gibt es zu diesem Thema einen ausführlichen Anhang zum Bericht. Positionen der Energiewirtschaft konnten über die elf Vertreter der Branche und mit Hilfe der ihnen zuarbeitenden BDEW-Gremien verankert werden:

  • Die Ladeinfrastruktur wird weit überwiegend im privaten Bereich genutzt. Um Fehlinvestitionen zu vermeiden, muss sich der Aufbau der öffentlichen Ladepunkte eng am Bedarf orientieren.
  • Ohne eine zeitlich begrenzte Anschub-Finanzierung ist nach jetzigem Stand nicht erkennbar, wie die notwendige öffentliche Ladeinfrastruktur erreicht werden kann.
  • Die Unterstützung der Kommunen ist notwendig, um öffentlichen Straßenraum unkompliziert verfügbar zu machen.
  • Für die Verbreitung und Akzeptanz der Elektromobilität ist ein kundenfreundlicher ("barrierefreier") Zugang zu den rein öffentlichen Ladestationen essentiell; die Energieversorger werden diesen schaffen.

BDEW-Zahlen bestätigen komfortable Ausstattung mit öffentlichen Ladepunkten für Elektrofahrzeuge
Die NPE stellt fest, dass dem Infrastrukturaufbau im öffentlichen Straßenraum für die Elektromobilität eine besondere Bedeutung zukommt, weil er wichtig für die Akzeptanz ist. Der BDEW hatte im Oktober 2011 beschlossen, regelmäßig zwei Mal im Jahr unter den Verbandsmitgliedern eine Erhebung zum Bestand der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur in Deutschland durchzuführen. Die Ergebnisse der Erhebung vom Januar 2012 konnten im Fortschrittsbericht dazu beitragen, einen Überblick über den Bestand, die Ausstattung und die örtliche Verteilung der in Deutschland verfügbaren öffentlich zugänglichen Ladestationen zu geben. Sie belegen, dass die Energiewirtschaft zum jetzigen Zeitpunkt eine komfortable Ausstattung mit öffentlichen Ladepunkten aufgebaut hat: Für rund 4.500 Elektrofahrzeuge standen zum Jahresanfang 2012 insgesamt knapp 2.250 Ladepunkte zur Verfügung. Statistisch kommt damit auf zwei Fahrzeuge ein öffentlicher Ladepunkt (siehe BDEW direkt 4/2012).

Fehlinvestitionen durch überdimensionierte Ladeinfrastruktur vermeiden
Für 2020 prognostiziert die NPE insgesamt 950.000 Ladepunkte, davon 800.000 im privaten und bis zu 150.000 im öffentlichen Raum. Dabei konnten die Vertreter der BDEW-Unternehmen deutlich machen, dass die Zahl von 150.000 öffentlichen Ladepunkten in 2020 eine Obergrenze darstellt und es eine hohe Prognoseunsicherheit gibt. Die Zahl soll nach dem tatsächlichen Bestand der Fahrzeuge und anhand der Erkenntnisse aus den "Schaufenstern" angepasst werden.

Ohne Förderung keine bedarfsgerecht öffentliche Ladeinfrastruktur
Der Bericht unterstreicht die Notwendigkeit, die Kosten der öffentlichen Ladepunkte zu senken. Auch hier sollen die "Schaufenster" Erkenntnisse liefern. Es wird allerdings festgehalten, dass "nach aktuellem Stand der Erkenntnisse" ein wirtschaftlicher Betrieb ohne eine zeitlich begrenzte Anschubfinanzierung nicht möglich ist. Verschiedene Lösungsmöglichkeiten werden aufgezeigt, wie bspw. Ausschreibungsmodelle, die teilweise bereits erfolgreich im Ausland eingesetzt werden. Dennoch ist es das Ziel, langfristig kostendeckende Geschäftsmodelle für die Installation und den Betrieb der Ladeinfrastruktur zu entwickeln. Eine Dauerfinanzierung ist aus Sicht der NPE jedoch nicht erforderlich, da zwischen 2020 und 2030 mit einer Sättigung zu rechnen ist. Dies wird aus den Erfahrungen mit anderen Infrastrukturnetzen (Telefonzellen, Tankstellen) geschlossen. Darüber hinaus können Schnellladelösungen die Notwendigkeit öffentlicher Ladepunkte begrenzen.

Der Bericht greift auch die Frage der einfachen Zugänglichkeit öffentlicher Ladesäulen auf und nennt ausdrücklich das im Mai 2012 vom Vorstand des BDEW beschlossene Ziel einer freien Zugänglichkeit ("Barrierefreiheit") von 90 Prozent der öffentlichen Ladepunkte bis 2014.

Da bei einer starken Zunahme der Elektromobilität auch die Stromnachfrage steigt, wird empfohlen, parallel zum Infrastrukturaufbau auch den Ausbaubedarf des Stromnetzes zu überprüfen: Mit Blick auf 2025 wird mit der Notwendigkeit des Netzausbaus gerechnet; dies muss auch bei der Regulierung der Netzentgelte berücksichtigt werden.

Fazit: Bericht benennt die kritischen Erfolgsfaktoren für den Infrastrukturaufbau
Die Ergebnisse der Nationalen Plattform sind aus Sicht der Energiewirtschaft zu begrüßen: Der vorsichtige Aufbau der Ladeinfrastruktur und eine Überprüfung des Bedarfs in 2014 verringert die Gefahr von Fehlinvestitionen. Zu Recht weist die Nationale Plattform auf die erheblichen Kosten des Infrastrukturaufbaus und die Notwendigkeit einer öffentlichen Kofinanzierung hin. Da die Bundesregierung nach wie vor eine solche Förderung ablehnt, bleibt der Bericht an dieser Stelle allerdings eine Antwort schuldig. Wichtig ist der Hinweis auf den langfristigen Netzausbau und die Berücksichtigung dieser Kosten in den Netzentgelten.

Während die bisherigen Berichte der NPE im Jahresrhythmus vorgelegt wurden, ist für 2013 kein Bericht vorgesehen. Im Frühjahr 2013 wird die Bundesregierung eine internationale Konferenz durchführen, auf der nach Möglichkeit schon erste Ergebnisse aus den Schaufenstern vorgestellt und diskutiert werden sollen. Einen nächsten Fortschrittsbericht wird es 2014, zum Abschluss der Marktvorbereitungsphase, geben.

Der Fortschrittsbericht (Dritter Bericht) der NPE ist auf den Internetseiten des Bundeswirtschaftsministeriums und des Bundesverkehrsministeriums abrufbar (www.bmwi.de und www.bmvbs.de).


Weitere Informationen

aus dem Stabsbereich Mobilität

Wolf-Ingo Kunze
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Sandra Gruschovnik
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