10. Juni 2013

Wie sparen wir genügend Energie?

Energieeffizienz ist nicht nur eine tragende Säule der Energiewende in Deutschland. Auch die EU hat in einer neuen Richtlinie verbindliche Ziele formuliert. Wie kann Deutschland diese Vorgaben erfüllen? Prof. Peter Hennicke, ehemaliger Präsident des Wuppertal Institut, und Stephan Kohler von der Deutschen Energie Agentur vertreten gegensätzliche Auffassungen.

Kohler, Hennicke


Laut EU-Energieeffizienzrichtlinie müssen alle Mitgliedsstaaten zwischen 2014 und 2020 den Energieverbrauch jährlich um 1,5 Prozent senken. Gemessen wird das am Absatzvolumen der Energiewirtschaft. Kann Deutschland dieses Ziel erreichen?

Prof. Dr. Hennicke: Ich finde das Ziel gar nicht besonders ambitioniert. Wirklich ehrgeizige Ziele setzt das Energiekonzept der Bundesregierung: Bis 2050 soll der Primärenergieverbrauch um 50 Prozent sinken. Dazu müssten wir die Energieproduktivität jährlich um durchschnittlich 2,1 Prozent pro Jahr steigern. Szenarienstudien sagen: Das ist machbar, allerdings nur mit zusätzlichen Maßnahmen.

Stephan Kohler: Deutschland ist zwar im Weltmaßstab schon eine der effizientesten Volkswirtschaften, aber wir halten das Einsparziel von 1,5 Prozent für machbar. Wir müssen es sogar schaffen, denn nur mit höherer Energieeffizienz kann die Energiewende gelingen.

Herr Prof. Hennicke, Deutschland hat bisher vorrangig auf marktwirtschaftliche Instrumente gesetzt, um die Energieeffizienz zu erhöhen. Sie dagegen treten für eine stärkere Reglementierung ein: Sie wollen die Energieversorger verpflichten, bei den Kunden für Einsparungen zu sorgen. Warum?

Hennicke: Die Debatte „Markt oder Regulierung?“ halte ich für eine Gespensterdebatte. Es geht um die Frage, wie wir die ambitionierten Ziele der Energiewende am schnellsten und kosteneffektivsten erreichen. Markt und Regulierung sind lediglich Mittel, sie sind nicht das Ziel. Wir haben schon viele sinnvolle Regulierungen, etwa die Energieeinsparverordnung und die Subventionsprogramme der KfW. Wir sollten nicht den Gegensatz zwischen Markt und Regulierung aufbauen, denn erst durch Regulierung im Sinne von verbindlichen Rahmenbedingungen wird der Markt für Energiedienstleistungen funktionsfähig.

Aber wieso sollen ausgerechnet die Energieversorger verpflichtet werden, ihre Kunden zum Sparen zu ermuntern?

Hennicke: Die Energieeffizienz­Richtlinie schreibt vor, dass die EU-Staaten Verpflichtungssysteme für jährliche Reduktionsziele einrichten müssen – Verpflichtete können auch die Energieanbieter sein. Die Frage ist: Wie setzen wir es um? Ich möchte den natürlichen Gegensatz auflösen zwischen den Unternehmen, die Strom und Wärme verkaufen wollen, und ihren Kunden, für die sich das Sparen lohnen würde. Wenn wir nichts tun, arbeiten die Versorger stillschweigend weiter auf Absatzmaximierung hin. Ein klug gestaltetes Verpflichtungs ­ und Anreizsystem bindet sie als Marktöffner für Energiedienstleistungen ein, ohne dass sie gegen ihre wirtschaftlichen Interessen handeln müssen.

Kohler: Eine Verpflichtung der Energieversorger lehne ich strikt ab. Denn das würde den Markt verzerren. Teil des Vorschlags ist ja, dass die Versorger die Kosten ihrer Effizienzprogramme über die Netzentgelte refinanzieren. Wir wollen aber, dass alle, die Leistungen zur Steigerung von Energieeffizienz anbieten, dieselben Chancen haben. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn ein Versorger solche Angebote freiwillig und auf eigene Kosten macht. Aber wenn er seine Kosten per Umlage decken kann, sind alle anderen Anbieter im Nachteil, die das nicht können. Handwerker, Ingenieurbüros und Contracting­Anbieter haben keine Chance mehr. Die Effizienzmärkte müssen so gestaltet werden, dass die vielfältig kreativen und innovativen Projekte sich optimal entfalten können

Spar-Verpflichtungen für Energieversorger gelten schon in Großbritannien, Frankreich, Dänemark und in mehr als 20 Bundesstaaten der USA. Können wir von diesen Beispielen gar nichts lernen?

Kohler: Die Effektivität und die Umsetzungseffizienz sprechen ebenfalls dagegen. Wir haben das untersucht: Die Verpflichtungssysteme in anderen europäischen Ländern sind nicht effizienter als unser markwirtschaftlicher Ansatz in Deutschland. Natürlich wissen wir, dass unser Markt für Leistungen zur Steigerung der Energieeffizienz nicht vollkommen ist. Deshalb wollen wir mehr Eigenverantwortlichkeit, viel Markttransparenz, ein gutes Beratungsangebot und ein einheitliches Förderregime. Dann bekommen wir einen Markt, der sich selbst organisiert.

Herr Prof. Hennicke, Sie fordern zusätzliche Anstrengungen zur Steigerung der Energieeffizienz. Beispielsweise soll ein neuer Fonds gebildet werden, der durch einen Aufschlag auf den Energiepreis gespeist wird. Welche Funktion soll dieser Fonds übernehmen?

Hennicke: Ich bestreite, dass ein Umlagesystem den Markt verzerrt oder sich in anderen europäischen Ländern und in den USA nicht bewährt hat. Der Aufschlag sollte 0,2 Cent pro Kilowattstunde Gas und Strom betragen. Das wäre marginal, etwa im Vergleich zur EEG Umlage von mehr als 5 Cent. Der Fonds erhielte dadurch rund 1,5 Milliarden Euro jährlich, um Programme für effizientere Haushaltsgeräte, Wärmepumpen und die energetische Sanierung von Gebäuden auszuschreiben und mit Anreizen die Umsetzung zu beschleunigen. Im Wesentlichen dienen Umlage und Fonds also zur Vorfinanzierung und zum Abbau von Hemmnissen für die Steigerung von Energieeffizienz.

Kohler: Ein Fonds zur Vorfinanzierung? So etwas haben wir doch längst: das Gebäudesanierungsprogramm der KfW, das hervorragend läuft. Es muss nur noch besser finanziell ausgestattet werden.

Herr Prof. Hennicke, Sie haben auch vorgeschlagen, eine neue Instanz zu schaffen: eine Energieeffizienz-Agentur. Welche Aufgaben würden Sie dieser Einrichtung übertragen?

Hennicke: Wir brauchen einen gesamtwirtschaftlich verantwortlichen Intermediär, der den Effizienzmarkt organisiert. Auf diesem Markt sind Hemmnisse heute nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wir haben weder Transparenz noch jemanden, der die gesamtwirtschaftliche Prozessverantwortung für die Erreichung der Energiesparziele trägt, noch haben wir Möglichkeiten, Energiesparprogramme für Tausende Anbieter und Millionen Nachfrager zu organisieren. Einer Energieeffizienz ­Agentur könnten wir die Gesamtverantwortung für die Konzipierung und Ausschreibung solcher Programme übertragen.

Kohler: Also, wer soll denn jetzt verantwortlich sein fürs Erreichen der Einsparziele? Die neue Agentur oder die Energieversorger?

Hennicke: Wir brauchen zunächst einen nationalen Prozessverantwortlichen, das sollte die Agentur sein. Was die Verpflichtung der Versorger angeht, da lässt uns die EU-Energieeffizienzrichtlinie die Wahl, ob sie mitverantwortlich für die Umsetzung sein sollen. Ich meine: ja. Es gibt eine Reihe von Organisationen, die sich den sparsameren Umgang mit Energie auf die Fahne geschrieben haben. Die Deutsche Energie-Agentur gehört dazu, ebenso die Bundesstelle für Energieeffizienz. Wie sollte die Aufgabenteilung mit der neuen Instanz aussehen?

Hennicke: Ich vermute, dass bei Stephan Kohler die Urangst vorherrscht, dass eine Effizienz ­Agentur irgendwie der dena ans Leder will …

Kohler: Ich bin da ganz gelassen, vielleicht werde ich ja Präsident der neuen Agentur … (lacht)

Hennicke: Eine „dena++“ und die Bundesstelle für Energieeffizienz könnten gebündelt den Nukleus einer Effizienz-Agentur bilden, allerdings mit verändertem Mandat und verantwortlich für die Umsetzung der verbindlichen Ziele aus der EU-Energieeffizienzrichtlinie.

Kohler: Die dena braucht keinen neuen Arbeitsauftrag, und der Effizienzmarkt braucht keine zentrale Stelle, sondern viele innovative Energiedienstleister. Wie gesagt haben wir schon das Gebäudesanierungsprogramm der KfW – das ist ein Effizienzfonds. Jeder, der Geld haben will von der KfW, braucht den bedarfsorientierten Energieausweis, den die dena entwickelt hat. Und er braucht einen qualifizierten Energieexperten. Diese Fachleute findet man in unserer Datenbank.
Also: Wir haben vieles schon. Dass wir Nachbesserungsbedarf haben, gebe ich zu. Aber wir brauchen keinen Systemwechsel, wir brauchen eine Verbesserung der vorhandenen Instrumente.

Herr Prof. Hennicke, Herr Kohler, in einem sind Sie sich offenbar einig: Die Bundesrepublik muss mehr tun, um Energie immer effizienter zu nutzen. Was erwarten Sie konkret von der Politik?

Hennicke: Als Erstes müsste die Politik klären: Welche Vor­ und Nachteile haben Verpflichtungssysteme? Zweitens sollten wir überlegen, wer der zu Verpflichtende sein soll und welche Rolle die Energieanbieter dabei spielen sollen. Meine Position lautet: Man benötigt einen Kümmerer. Der braucht ein Mandat und Finanzen. Das vorhandene Instrumentarium muss ausgebaut und gebündelt werden – aber es reicht nicht, um die Trendwende beim Energiesparen herbeizuführen und um Energieanbieter dabei wettbewerbsneutral und verbindlich einzubinden.

Kohler: Die Politik muss endlich die Bedeutung der Energieeffizienz erkennen. Die Politik setzt immer noch sehr stark auf Erneuerbare Energien, da muss eine Umorientierung her. Dann brauchen wir eine einheitliche, verlässliche Energieeffizienz ­Politik. Das bedeutet etwa ein KfW-Programm für die nächsten zehn Jahre, das jährlich 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellt. In derselben Größenordnung brauchen wir die steuerliche Abschreibung für Effizienzmaßnahmen. Wenn wir die Mittel aufstocken und die vorhandenen Instrumente besser nutzen, erreichen wir die Einsparziele der Bundesregierung.

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Prof. Dr. Peter Hennicke
leitete bis 2008 das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Heute ist er der Einrichtung als Berater und Principal Advisor für eine weltweite Gebäudeeffizienzplattform verbunden.

Stepahn Kohler
ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (dena). Die dena  versteht sich als Kompetenzzentrum für Energieeffizienz, erneuerbare Energien und intelligente Energiesysteme.