Vorsichtig navigiert der Kranführer das Fassadenelement durch die Luft, damit die Bauarbeiter es an der Hauswand befestigen können. Anschließend werden weitere Module verbaut, die das Gebäude nach und nach umschließen wie eine zweite Haut. Fenster, Wärmeschutz oder Lüftungen sind bereits in der neuen Hülle integriert. Alles fix und fertig aus der Fabrik. Dazu kommt ein neues Dach mit Solaranlage und eine Wärmepumpe im Keller.
Serielle Sanierung heißt das Konzept, das Ecoworks-Gründer und Geschäftsführer Emanuel Heisenberg 2019 nach Deutschland gebracht hat – und mit dem schneller als bisher aus einem unsanierten Haus ein saniertes wird. Im besten Fall erfüllt es den Net-Zero-Standard und erzeugt damit unter dem Strich in der Jahresbilanz so viel erneuerbare Energie, wie die Bewohner verbrauchen – ohne energieautark zu sein. Möglich wird das unter anderem durch eine hocheffiziente Sanierung zum Effizienzhaus 55, eine großflächige PV-Anlage sowie Wärmerückgewinnung in der Lüftungstechnik.
„Das Prinzip gab es bereits vor zehn Jahren in Holland. Wir haben es technologisch optimiert und nicht nur im Reihenhausbereich, sondern auch für Mehrfamilienhäuser als Generalunternehmer umgesetzt“, sagt Emanuel Heisenberg, der ein Enkel des berühmten Nobelpreisträgers Werner Heisenberg ist. In der Praxis bedeutet das: Im ersten Schritt wird das Gebäude per 3-D-Laserscan millimetergenau erfasst und mit den gewonnenen Daten ein digitaler Zwilling erstellt.
Eine Planungssoftware entwirft im zweiten Schritt die neue Gebäudehülle mit maßgeschneiderten Modulen. In der Fabrik fertigen Roboter dann passgenau Fassaden- und Dachelemente vor: mit Dämmung, Fenstern, Lüftung, Rohren, Außenputz und PV-Anlagen. Produziert werden die Elemente mit Partnern aus der Industrie. Seit 2024 ist auch Bien-Zenker an Bord, einer der größten Fertighaushersteller Europas.
„Sanierung bisher oft wie vor 100 Jahren“
Bisher funktioniere die Sanierung von Gebäuden noch größtenteils wie vor 100 Jahren, erklärt Heisenberg. Viel Handarbeit von verschiedenen Gewerken. Arbeiter montieren die Platten des Wärmeverbundsystems einzeln an der Hauswand, setzen neue Fenster ein und installieren die einzelnen Leitungen. „Mit der seriellen Sanierung können wir mittlerweile bis zu 80 Prozent der Arbeiten von der Baustelle in die Fabrik verlagern“, sagt Heisenberg. Er schätzt, dass Gebäude mit seinem System drei Mal so schnell saniert werden können wie bei einer klassischen Sanierung.
Sanierung vorher und nachher im Slider
In Bochum hat Ecoworks 2023 die serielle Sanierung von drei Mehrfamilienhäusern aus dem Jahr 1965 (Bild oben) abgeschlossen. Durch die Maßnahmen sank der Energieverbrauch von jährlich 150 kWh pro Quadratmeter auf 30 kWh
In Mönchengladbach hat das Start-up 2023 fünf Wohnhäuser aus dem Baujahr 1956 (Bild oben) seriell saniert. Als Energieplushäuser erfüllen sie heute den NetZero-Standard.
Möglich wurde das Tempo mit viel Investment des Start-ups. „Wir stecken jährlich etwa zwei Millionen Euro in Forschung und Entwicklung, um neue Hard- und Software zu kreieren, die es uns erlaubt, immer mehr Teile vorzufertigen.“ Ein Beispiel ist die technische Gebäudeausrüstung: Module mit Elektro- und Heizungsleitungen werden in der Fabrik in die Fassadenelemente integriert und müssen später nur noch an die Wärmepumpen im Keller und die Wohnungen angeschlossen werden – nach dem Prinzip Plug-and-play.
16 Patente kann Ecoworks mittlerweile vorweisen. Heisenberg: „Wir bewegen uns in der Baubranche in einem eher analogen, traditionellen Umfeld. Das Risiko, Innovationen zu entwickeln, übernehmen deshalb wir als Start-up.“ Seine Investoren stehen dafür hinter ihm. Rund 50 Millionen Euro hat Heisenberg seit der Gründung seines Start-ups bisher eingesammelt. Davon allein 40 Millionen in einer Series-A-Finanzierungsrunde 2023. Unter den Geldgebern finden sich unter anderem der deutsche Mischkonzern Haniel Group sowie die europäischen Venture-Capital-Fonds Kompas VC und World Fund. Heisenberg selbst hält noch 12,5 Prozent der Anteile.
„Konzept ist marktreif“
Als Generalunternehmen managt Ecoworks mit 130 Mitarbeitern aktuell 24 Sanierungsprojekte für öffentliche, private und fondsbasierte Wohnungsunternehmen mit einem Volumen von 158 Millionen Euro. „Unser Konzept ist marktreif und die Gebäudehüllensanierung so weit standardisiert, dass sie in der breiten Masse zum Einsatz kommen kann.“ Laut Schätzungen von Experten liegt das Potenzial der seriellen Sanierung bei mindestens acht Millionen Wohneinheiten. Und auch Nichtwohngebäude wie Schulen oder Büros sollen künftig seriell saniert werden.
Bleibt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit: Ein Quadratmeter sanierte Wohnfläche kostet die Kunden von Ecoworks durchschnittlich etwa 1.800 Euro ohne Förderung, mit Zuschüssen durch die KfW Bankengruppe sind es 1.000 Euro. „Bei einer klimaneutralen Sanierung sind wir damit im Kostenvorteil gegenüber der traditionellen Methode“, so Heisenberg.
Trotz schlechter Konjunkturprognosen für das Baugewerbe geht er 2025 von weiterem Wachstum für sein Unternehmen aus. „Wir sind in einem rückläufigen Markt im vergangenen Jahr auf 23 Millionen Euro Umsatz gewachsen und rechnen damit, in den nächsten 24 Monaten einen dreistelligen Umsatz zu erreichen.“
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